KI im wissenschaftlichen Schreibprozess

Wissenschaftliches Schreiben ist eine Kompetenz, die Sie im Studium schrittweise aufbauen. KI-Tools können dabei unterstützen – entscheidend ist, dass Ihre Eigenleistung, die Nachvollziehbarkeit und die wissenschaftliche Integrität gewahrt bleiben.

Schreiben = Denken

Der wissenschaftliche Schreibprozess ist ein Denkprozess. KI kann ihn begleiten, aber Sie können ihn nicht an die KI auslagern. Maßgeblich ist, dass Sie Entscheidungen selbst treffen und Ergebnisse prüfen.

Warum wissenschaftlich Schreiben?

Wissenschaftliches Schreiben ist ein zentraler Bestandteil des Studiums, weil es zeigt, wie fachliche Inhalte verstanden, eingeordnet und weiterentwickelt werden. Der fertige Text macht sichtbar, ob Sie in der Lage sind, Argumente nachvollziehbar darzustellen, mit Quellen korrekt umzugehen und die Fachsprache Ihres Studiums anzuwenden.

Entscheidend ist jedoch nicht nur das Endprodukt, also der fertige Text. Der Schreibprozess selbst ist ein wesentliches Lerninstrument: Durch das Formulieren, Strukturieren und Überarbeiten entwickeln Sie Ihr wissenschaftliches Denken, schärfen Begriffe und treffen begründete Entscheidungen. Genau darin liegt der zentrale Lerngewinn wissenschaftlicher Arbeiten.

Beim Schreiben entstehen neue Gedanken, Argumente werden präzisiert und Zusammenhänge klarer. Unklarheiten in der eigenen Argumentation werden oft erst sichtbar, wenn versucht wird, sie sprachlich zu fassen. Fehler und Überarbeitungen sind dabei kein Zeichen von Scheitern, sondern ein normaler und produktiver Teil des Lernprozesses. Jede Überarbeitung trägt dazu bei, Begriffe zu schärfen, Argumentationslinien zu verbessern und die eigene Position nachvollziehbarer zu machen.

Daraus ergibt sich, dass wissenschaftliches Schreiben immer auch die Entwicklung der eigenen wissenschaftlichen Kompetenz unterstützt.

Das bedeutet:

Schreiben dient nicht nur der Darstellung von Wissen, sondern ist ein wesentliches Hilfsmittel, um fachliche Inhalte zu verstehen und kritisch zu reflektieren.

Inhaltlich-konzeptionelle und sprachlich-formale Aufgaben

Im wissenschaftlichen Schreiben wird zwischen Higher Order Concerns (HOCs) und Later Order Concerns (LOCs) unterschieden.

  • Higher Order Concerns betreffen die inhaltlich-konzeptionelle Ebene eines Textes, etwa die Entwicklung einer tragfähigen Fragestellung, den logischen Aufbau der Argumentation oder die Interpretation von Ergebnissen. Diese Aspekte bilden den Kern der wissenschaftlichen Eigenleistung.
  • Later Order Concerns beziehen sich auf die sprachlich-formale Gestaltung des Textes, wie Grammatik, Stil, Lesbarkeit oder korrekte Zitation.

Beide Ebenen sind für einen gelungenen wissenschaftlichen Text gleichermaßen wichtig; die Unterscheidung bezieht sich jedoch vor allem auf den Zeitpunkt im Schreibprozess, da sprachlich-formale Aspekte sinnvollerweise erst dann im Detail überarbeitet werden, wenn die inhaltlich-konzeptionelle Struktur des Textes tragfähig ausgearbeitet ist.

Die Unterscheidung in Higher und Later Order Concerns kann Ihnen auch beim Einsatz von KI helfen:

  • Bei sprachlich-formalen Aufgaben kann KI gut unterstützend eingesetzt werden.
  • Bei Higher Order Concerns ist hingegen besondere Zurückhaltung geboten: KI kann hier Anregungen geben oder zur Reflexion beitragen, darf aber keine inhaltlichen Entscheidungen, Argumentationen oder Interpretationen übernehmen.

Maßgeblich ist, dass die intellektuelle Verantwortung für den Text stets bei der Autorin bzw. beim Autor verbleibt und die eigene wissenschaftliche Leistung klar erkennbar sein muss.

Einsatzfelder von KI entlang der Higher und Later Order Concerns

Concern Bereich Nutzungsmöglichkeiten Hinweise zur Umsetzung
Higher Order Concerns Gliederung und Strukturierung Unterstützung bei der Entwicklung logischer Argumentationsstrukturen und der Organisation von Inhalten Die vorgeschlagene Struktur dient als Anregung, muss aber kritisch geprüft und selbstständig an die spezifischen Anforderungen der Arbeit angepasst werden.
Generierung von Ideen Inspiration für Fragestellungen, Thesen/Hypothesen oder Perspektiven Die Ideen müssen kritisch reflektiert, auf ihre wissenschaftliche Relevanz geprüft und entsprechend selektiert werden. Keine 1:1 Übernahme!
Literaturrecherche Effiziente Suche und Vorselektion relevanter Studien. Die eigenständige Auseinandersetzung mit den gefundenen Quellen bleibt unerlässlich. Achtung: KI-Recherchetools können oft nur auf begrenzte Datenbestände zugreifen und idR nicht auf Bibliothekskataloge).
Textverständnis Unterstützung bei Verständnisfragen und Kontextualisierung Die intellektuelle Tiefe muss gewahrt bleiben. Kritisch prüfen, ob die KI-gestützte Analyse wissenschaftlichen Standards genügt.
Later Order Concerns Textüberarbeitung Prüfung auf Rechtschreibung, Grammatik und Stil Die vorgeschlagenen Änderungen sollten geprüft werden, um sicherzustellen, dass sie den wissenschaftlichen Kontext und den persönlichen Schreibstil nicht verfälschen.
Sprachliche Vereinfachung Alternative Formulierungen und Vereinfachung komplexer Sachverhalte Sicherstellen, dass die vereinfachten Texte weiterhin präzise und wissenschaftlich korrekt bleiben.
Literaturrecherche Effiziente Verwaltung und Organisation von Quellen KI kann organisatorische Aufgaben erleichtern, ersetzt jedoch nicht die kritische Auseinandersetzung mit den Quelleninhalten.
Textverständnis Vereinfachung komplexer Passagen oder Erklärung spezifischer Begriffe, um Texte verständlicher zu machen. Sicherstellen, dass die Vereinfachungen präzise sind und keine wissenschaftlichen Inhalte verfälschen.

Einsatzmöglichkeiten von KI beim wissenschaftlichen Schreiben

KI-Tools können Sie in unterschiedlichen Phasen des wissenschaftlichen Schreibens unterstützen. Entscheidend ist dabei, dass Sie KI als Hilfsmittel im Schreibprozess nutzen und nicht als Ersatz für die eigene fachliche Auseinandersetzung. Welche Formen der Unterstützung sinnvoll sind, hängt davon ab, in welcher Phase des Schreibens Sie sich befinden.

Achtung bei der Verwendung von KI zur Literaturrecherche

Wichtig: Verwenden Sie generative KI-Tools wie ChatGPT oder u:ai nicht zur Recherche! Diese Tools greifen nicht auf Datenbanken zu und können Quellen erfinden. Verwenden Sie spezielle Literaturrecherchetools wie Elicit, Consensus oder andere. 

Die Bibliothek bietet spezielle Schulungen zum Thema Literaturrecherche mit KI.

Prompt-Tipp: So formulieren Sie Prompts, die Ihre Eigenleistung sichern

Formulieren Sie Prompts so, dass die KI nicht für Sie denkt oder schreibt, sondern Sie beim eigenen Denken unterstützt. Bitten Sie um Fragen, Alternativen, Rückmeldungen oder Strukturvorschläge, nicht um fertige Texte oder inhaltliche Entscheidungen. Bewährt haben sich Prompts, die:

  • die KI auf eine unterstützende Rolle festlegen (zB Feedback, Reflexionshilfe),
  • klar benennen, was die KI nicht tun soll (zB keine fertigen Argumente),
  • deutlich machen, dass Auswahl, Bewertung und Weiterverarbeitung bei Ihnen liegen.

Dabei gilt: Die Vorschläge dienen als Ausgangspunkt und müssen fachlich geprüft, eingeordnet und weiterentwickelt werden.

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  • Vor dem Schreiben: Orientierung und Vorbereitung

    In der frühen Phase eines Schreibprojekts kann KI helfen, Gedanken zu ordnen und erste Zugänge zu einem Thema zu finden. Sie kann Anregungen liefern, ersetzt jedoch keine eigenständige inhaltliche Entscheidung.

    Grundsätzlich gilt: Formulieren Sie KI-Anfragen so, dass die KI Möglichkeiten aufzeigt und Rückmeldungen gibt, während Auswahl, Bewertung und Weiterentwicklung bei Ihnen verbleiben.

    Mögliche Einsatzbereiche:

    • Ideen generieren: Formulieren Sie Ihre Anfrage so, dass die KI mehrere unterschiedliche Denkanstöße liefert, ohne Inhalte zu bewerten oder auszuwählen. Bitten Sie um kurze Erläuterungen der jeweiligen Perspektiven, nicht um ausgearbeitete Argumente oder Textpassagen.
    • Themenvorschläge ausarbeiten und eingrenzen: Achten Sie darauf, dass die KI mögliche Varianten und Abgrenzungen aufzeigt, anstatt ein Thema festzulegen. Die Anfrage sollte deutlich machen, dass die Entscheidung über Schwerpunkt, Zuschnitt und Relevanz bei Ihnen liegt.)
    • Vorschläge für Forschungsfragen erstellen: Bitten Sie die KI darum, mehrere mögliche Fragestellungen vorzuschlagen und deren implizite Annahmen sichtbar zu machen. Vermeiden Sie Anfragen nach „der besten“ oder „passenden“ Forschungsfrage, da die wissenschaftliche Bewertung eigenständig erfolgen muss.)
    • bei der Entwicklung von Argumenten helfen (zB in Form eines Sokratischen Dialogs): Formulieren Sie Ihre Anfrage so, dass die KI Rückfragen stellt, Gegenpositionen benennt oder auf mögliche Schwachstellen hinweist, ohne selbst eine Argumentationslinie auszuformulieren oder Schlussfolgerungen vorzugeben.
    • fremdsprachige Texte übersetzen (Beachten Sie hierzu die Hinweise zum Übersetzen)
    • eigene gesprochene Gedanken in Text umwandeln (zB mit der Diktierfunktion von Microsoft oder Google, Whisper Wizard): Achten Sie darauf, dass die KI Ihre gesprochenen Gedanken strukturierend und sprachlich ordnend, aber nicht inhaltlich ergänzend verarbeitet. Die Anfrage sollte klarstellen, dass unklare oder fragmentarische Stellen sichtbar bleiben dürfen.

    Tipp: Sie sich von KI-Tools auch Texte vorlesen lassen (zB Textreader, Pickles).

  • Während des Schreibens: Struktur und Feedback

    Während des Schreibprozesses kann KI zur Strukturierung und zur punktuellen Rückmeldung auf Textpassagen eingesetzt werden.

    Mögliche Einsatzbereiche:

    • Vorschläge für Gliederungen oder Inhaltsverzeichnisse: Formulieren Sie Ihre Anfrage so, dass die KI mehrere mögliche Strukturvarianten aufzeigt und deren innere Logik erläutert. Vermeiden Sie Anfragen nach einer fertigen oder optimalen Gliederung.
    • Hinweise zur Verständlichkeit einzelner Absätze: Bitten Sie die KI darum, Unklarheiten, lange Satzstrukturen oder mögliche Verständnishürden zu markieren. Die Anfrage sollte darauf abzielen, Rückmeldung zur Lesbarkeit zu erhalten, nicht darauf, Inhalte neu zu formulieren oder zu erweitern.
    • Feedback zum Textzusammenhang oder zur Argumentationslogik: Gestalten Sie die Anfrage so, dass die KI Brüche, Sprünge oder fehlende Übergänge im Text aufzeigt. Vermeiden Sie Anfragen, die eine Neustrukturierung oder das Ergänzen inhaltlicher Argumente verlangen. Ziel ist es, die eigene Argumentation zu überprüfen, nicht sie von der KI entwickeln zu lassen.
    • Unterstützung bei der Übersicht über Literatur: Formulieren Sie Ihre Anfrage so, dass die KI bei organisatorischen Aufgaben unterstützt, etwa beim Clustern von Themen oder beim Zusammenfassen von Abstracts. Die Anfrage sollte deutlich machen, dass die Auswahl, Bewertung und inhaltliche Einordnung der Literatur eigenständig erfolgt und die KI keine Relevanzentscheidungen trifft. Beachten Sie die Hinweise zur Literaturrecherche.

    Auch während des Schreibens sollte KI so eingesetzt werden, dass sie Orientierung und Rückmeldung bietet, ohne zentrale inhaltliche Entscheidungen oder Argumentationsschritte zu übernehmen oder Text für Sie zu formulieren.

  • Überarbeiten: Sprache und formale Präzision

    In der Überarbeitungsphase kann KI besonders bei sprachlich-formalen Aspekten entlasten. Diese Unterstützung betrifft die Präsentation des Textes, nicht seine inhaltliche Substanz.

    Mögliche Einsatzbereiche:

    • Feedback auf Sprache, Stil, Textzusammenhang: Formulieren Sie Ihre Anfrage so, dass die KI Rückmeldung zur sprachlichen Qualität und zum Lesefluss gibt, ohne inhaltliche Aussagen zu verändern oder neue Argumente einzuführen. Bitten Sie darum, problematische Stellen zu markieren und Verbesserungsvorschläge kenntlich zu machen, anstatt den Text vollständig umzuschreiben.
    • Rechtschreibung und Korrekturhilfe: Achten Sie darauf, dass sich die Anfrage ausschließlich auf orthografische Korrektheit bezieht. Die KI sollte Rechtschreibfehler, Tippfehler oder offensichtliche formale Ungenauigkeiten korrigieren, ohne Satzstruktur oder Bedeutung zu verändern. Tipp: Lassen Sie die KI keine korrigierte Version des Textes formulieren, sondern verlangen Sie eine Liste mit den Punkten, die zu korrigieren sind. Dann entscheiden Sie selbst, ob und wie Sie die Korrekturvorschläge annehmen.
    • Wortwahl und Formulierungshilfe: KI kann Sie bei Wortwahl und Formulierung unterstützen. Konkret kann Ihnen KI zB mit Vorschlägen für Synonyme, Umformulierungen oder Vorschlägen für Varianten eines Satzes mit unterschiedlichen sprachlichen Registern helfen. Gestalten Sie die Anfrage so, dass die KI alternative Ausdrücke oder Synonyme vorschlägt, die stilistisch und fachlich passen. Vermeiden Sie Anfragen, die zu inhaltlichen Vereinfachungen oder Bedeutungsverschiebungen führen könnten. Die Entscheidung, welche Formulierung verwendet wird, bleibt bei Ihnen.
    • Grammatik und Interpunktion überprüfen: Bitten Sie die KI darum, grammatikalische Fehler und Interpunktionsfehler zu identifizieren. Die Anfrage sollte klarstellen, dass keine inhaltlichen Anpassungen vorgenommen werden und der fachliche Aussagegehalt unverändert bleibt.

     

    Tipp: Listen statt fertiger Text

    Lassen Sie die KI keine korrigierte Version des Textes formulieren, sondern verlangen Sie eine Liste mit den Punkten, die zu korrigieren sind und warum. Dann entscheiden Sie selbst, ob und wie Sie die Korrekturvorschläge annehmen.

    Entscheidend ist: Prüfen Sie alle Vorschläge sorgfältig, um fachliche Präzision und Ihren eigenen Schreibstil zu bewahren. Übernehmen Sie nicht unkritisch alle von der KI vorgeschlagenen Korrekturen oder Anmerkungen.

    Geeignete Tools: ChatGPT, DeepL Write, Grammarly

KI kann den Schreibprozess in allen Phasen unterstützen. Je näher eine Aufgabe an der inhaltlichen Argumentation, Interpretation oder Bewertung liegt, desto wichtiger ist eine zurückhaltende und reflektierte Nutzung.

Beachten Sie immer die Vorgaben der Lehrperson!

Beim Verfassen wissenschaftlicher Arbeiten entscheidet immer die Lehrperson über erlaubte und nicht erlaubte Hilfsmittel. Alles, was nicht explizit erlaubt ist, ist verboten. Informieren Sie sich vor Beginn der Arbeit am Text, wie sie den Einsatz von textgenerierenden KIs und anderen Hilfsmitteln dokumentieren sollen. Beachten sie immer auch die datenschutzrechtliche Dimension.